Rechte für Näher*innen in Bangladesch – Fairkaufladen verkauft T-Shirts mit dem Label der Fair Wear Foundation | Fairkaufladen
Rechte für Näher*innen in Bangladesch – Fairkaufladen verkauft T-Shirts mit dem Label der Fair Wear Foundation

Rechte für Näher*innen in Bangladesch – Fairkaufladen verkauft T-Shirts mit dem Label der Fair Wear Foundation

Beim Blick ins Schaufenster des Fairkaufladens fällt zur Zeit eine ganz neue Produktgruppe auf: Damen- und Herren-T-Shirts.

Durch eine Kooperation mit Fashion & More“ in Freising (Untere Hauptstr. 50) http://fashionandmore-freising.de/ , von wo wir freundlicherweise 104 T-Shirts in Kommission bekommen haben, können die Kunden zwischen verschiedenen Größen, Farben und Materialien auswählen. Und – dies ist uns als Weltladen besonders wichtig – man entscheidet sich mit dem Kauf der T-Shirts für bessere Arbeitsbedingungen in Nähfabriken. Aber dazu später mehr.

T-Shirts aus Buchenholz

Die T-Shirts gibt es in drei Varianten: aus biologischer Baumwolle, aus biologischer Baumwolle mit Modal und aus reinem Modal.  Modal wird von der Firma Lenzing in Österreich aus Buchenholz (aus nachhaltig bewirtschafteten Buchenwäldern, 50 % aus Österreich) produziert http://www.lenzing-fibers.com/lenzing-modal/buchenfaser/

Die Faser selbst fühlt sich, wie Mitarbeiterin Hannelore am Beispiel der beiden Tops bestätigen kann, extrem leicht und luftig an.

Aber was in Bezug auf die Herstellung der Modalfaser so positiv klingt (europäisches Land mit hohen Umweltsstandards) trifft auf den internationalen Textilsektor leider nicht zu.

Die Situation im Textilsektor

Millionen von Arbeiter*innen in der weltweiten Bekleidungsindustrie arbeiten unter sehr schlechten Bedingungen und für einen extrem niedrigen Lohn. Das liegt daran, dass ein Großteil der Produktion von Textilien in sog. Billiglohnländern erfolgt, in denen es zwar Mindestlöhne gibt, die aber nach Einschätzung von Experten nicht annähernd existenzsichernd sind. Nach Berechnung der Asian Floor Wage Campaign (Zusammenschluss von Gewerkschaftlern und Menschenrechtsorganisationen) reichen die Mindestlöhne in keinem asiatischen Land für ein menschenwürdiges Leben. In China und Malaysia müssten sie verdoppelt, in Indien und Kambodscha  vervierfacht, in Bangladesch und Sri Lanka verfünffacht werden.

Komplexe Lieferketten

Erschwerend für eine Verbesserung der Situation ist auch die Tatsache, dass die Herstellung von Textilien (zwischen dem Ansäen der  Baumwolle bis zum Annähen eines Knopfes) bis zu 140 Arbeitsschritte umfassen kann, ausgeführt in sieben bis acht verschiedenen Fertigungsstätten in unterschiedlichen Ländern und Erdteilen. Diese globalisierte Auslagerung der Fertigung durch Modefirmen führt – zusammen mit dem enormen Preisdruck – auch zu einer Externalisierung von Verantwortung mit den damit verbundenen katastrophalen Arbeitsbedingungen.

Dies alles ist hinreichend bekannt, wird aber in der Regel erst dann in der Öffentlichkeit zum Thema, wenn es zu Katastrophen wie z.B. der vor fünf Jahren in Rana Plaza mit über 1000 Toten kommt.

Der folgende Trailer zu der amerikanischen Dokumentation über die Billigmode-Industrie „THE TRUE COST“ von Andrew Morgan zeigt die Situation beispielhaft auf:

Die Fair Wear Foundation arbeitet an verbesserten Arbeitsbedingungen

Die Aufdeckung dieser Missstände hatten schon in den 90iger Jahren zum Entstehen einiger kritischer Organisationen geführt. Eine von ihnen ist die 1999 in den Niederlanden gegründete und dort ansässige „Fair Wear Foundation“.

Fair Wear Foundation logo

 

 

 

 

 

 

Die Fair Wear Foundation (FWF) ist eine internationale Initiative aus Wirtschaft, Politik, Gewerkschaften und NGO´s, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Arbeitsbedingungen speziell in den Nähfabriken weltweit zu verbessern.

Im Detail basieren diese Verbesserungen auf den Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dazu gehören z.B. die freie Arbeitwahl, keine Diskriminierung am Arbeitsplatz, keine ausbeuterische Kinderarbeit, Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen, Zahlung existenzsicherer Löhne, angemessene Arbeitszeiten, sichere und gesundheitsverträgliche Arbeitsbedingungen und  rechtsverbindliche Arbeitsverträge.

Die derzeit 80 Mitgliedsunternehmen der FWF repräsentieren 120 Marken aus sieben europäischen Ländern, die ihre Produkte bei mehr als 20.000 Händlern in 80 Ländern auf der ganzen Welt anbieten. Die FWF ist in 11 Produktionsländern in Asien, Europa und Afrika vertreten, achtet auf Fortschritte ihrer Kooperationspartner und überprüft jedes Jahr in den Fabriken die Einhaltung der arbeitsrechtlichen und sozialen Standards.

Einige in Deutschland bekannte Labels wie Hessnatur, Armed Angels, Schöffel, Jack Wolfskin oder Deuter sind  Mitglied bei der FWF.

Das Video „Fair Wear Formula“ informiert über die Arbeitsweise der FWF:

https://www.youtube.com/watch?time_continue=419&v=KPJ_Vo9iCeQ

 Stanley and Stella

Die T-Shirts im Fairkaufladen werden von dem belgischen Unternehmen Stanley and Stella produziert. Dies kann man an den Einnähern erkennen, die ein Unternehmen nur bekommt, wenn es 90 Prozent seines Produktionsvolumens der Überprüfung unterzogen hat und dabei mindestens 75 Punkte erreicht hat.

                     

 

Wie alle Mitgliedsunternehmen der FWF muss auch Stanley and Stella sich diesem jährlichen Brand Performance Check unterziehen. Dieser überprüft die internen Managementsysteme (Produktionsplanung, Einkauf, Lieferantenbeziehungen), um zu bewerten, wie das Unternehmen den FWF-Verhaltenskodex (Code of Labour Practice) bei seinen Lieferanten umgesetzt hat und wie gut es ist im Umgang mit Beschwerden von Mitarbeitern der Produktionsbetriebe oder der Förderung der Transparenz ist.

Die Monitoring-Berichte der letzten Jahre sind auf der Website der FWF öffentlich für jeden einsehbar https://www.fairwear.org/member/stanley-and-stella-sa/

Das folgende Video zeigt am Beispiel einer Näherin, wie Stanley and Stella mit sexueller Nötigung in einer Fabrik in Bangladesch umgeht.

Ein fairer Textilstandard über die gesamte Lieferkette ist erst im Entstehen

Wie oben erwähnt, gibt es auch andere Versuche, die Situation in Bezug auf bestimmte Kriterien oder bezogen auf  einen Teil der Lieferkette zu verbessern. Dazu gehört z.B. der weltweit führende GOTS-Standard für die Verarbeitung von Textilien aus biologisch erzeugten Naturfasern. In Bezug auf die Erzeugung von Baumwolle gibt es das Siegel für Bio-Baumwolle, das Fairtrade Baumwoll-Siegel (mit stabilen Mindestpreisen und einer Fairtrade-Prämie) und das Fairtrade Baumwoll-Programm.

Sicher hat auch das von Gerd Müller nach dem Einsturz der Textilfabrik in Rana Plaza ins Leben berufene Bündnis für Nachhaltige Textilien (Textilbündnis) dafür gesorgt, dass sich Politik und Unternehmen mehr mit den Problemen im Textilsektor beschäftigen.

Aber einen echten Fairtrade- Textilstandard, der die gesamte Lieferkette (vom Baumwollfeld über Baumwollentkörnungsanlegen, Spinnereien, Färbereien …) umfasst und ökologische, soziale und ökonomische Kriterien erfüllt,  gibt es z.Zt. noch nicht.  Drei junge deutsche Firmen haben sich allerdings vorgenommen, diesen zu verwirklichen: 3Freunde (Konstanz), Brands Fashion (Buchholz) und Melawear (Lüneburg). Wie es der Standard verlangt, wollen sie z.B. die Löhne vom Baumwollanbau bis zur Konfektion innerhalb von sechs Jahren auf ein existenzsicherndes Niveau erheben.

Die T-Shirts kommen in Petershausen gut an

Von den 104 in Kommission gegebenen T-Shirts  sind nach vier Wochen schon 40 verkauft. Der größte Anteil davon sind erstaulicherweise Männer-T-Shirts. Vielleicht liegt es daran, dass Männer mit dem einfachen Schnitt eher zufrieden sind. Dieser und der Verzicht auf Applikationen (wie Krokodile oder Männernamen mit den Anfangsbuchstaben H.B.)  sind  Gründe, warum ein T-Shirt, selbst wenn es unter besseren Arbeitsbedingungen zustande kommt, preisgünstig sein kann.

Wem das einfarbige T-Shirt doch zu langweilig ist, kann es ja zusätzlich mit einem passenden handgewebten Schal  von Handelspartnern der Gepa, EZA oder El Puente schmücken.

                      

Sollte der Verkauf der T-Shirts so weiter gehen, müssten wir bald bei Günther Sesselmann (von Fashion and More) einige Farben und Größen nachbestellen. Denn wie formulierte es eine Kundin: „Es ist einfach toll, dass man auch in  Petershausen T-Shirts kaufen kann, die unter verbesserten Arbeitsbedingungen in Nähfabriken zustande kamen“. Was die Petershausener natürlich nicht davon abhalten sollte, den Laden Fashion and More in Freising zu besuchen. Es lohnt sich …

Infos:

– Christliche Initiative Romero, Wegweiser durch das Labellabyrinth, Münster 2017

– Caspar Dohmen, Das Fairtrade Prinzip-Vom Weltladen in den Supermarkt, Berlin 2017

– Transfair e.V., Fact Sheet Textilien, Köln 2017

– Medico international: Textilindustrie – 5 Jahre nach Rana Plaza https://www.medico.de/blog/fuenf-jahre-nach-rana-plaza-17041/